HARDY RICHARDAUTOR

Zurück zum Buch

HARDY RICHARD · LESEPROBE

Die ewig Jungen

Kapitel 1 – Das Buch der Wahrheit

„Ich glaube, es geht schon wieder los. Es kommt großer Ärger auf uns zu. Kann es damit denn nie ein Ende haben?“ Moswig der Zauberer blickte auf seinen Helfer Igor, der gerade dabei war, die hohle Eiche, in der die beiden lebten, mit einem Reisigbesen auszufegen.

Der Baum stand auf einem kleinen, mit einer dicken Schicht gelbbrauner Blätter bedeckten Hügel in einem dichten Eichenwald und war so gewaltig, dass in seinem Inneren ganz bequem ein Elefant hätte herumspazieren können. Durch das dicke Blätterdach drang sanftes, grünes Licht auf den weichen Waldboden. Es roch erdig nach Moos und Pilzen, und auch die anderen Bäume in diesem Wald waren groß, knorrig und bestimmt schon viele hundert Jahre alt. Überall im Wald lagen gewaltige Steinquader herum. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld, auf dem noch die Kanonenkugeln aus vergangenen Kriegen verstreut waren. Und auf den meisten dieser Felsen waren seltsame Schriftzeichen, die Runen ähnelten und vor Äonen von Jahren in die Felsen gemeißelt worden waren.

Niemand wusste, woher diese Zeichen stammten oder was sie zu bedeuten hatten. Moswig saß meist auf einem Holzschemel vor den Quadern und versuchte dann tagelang, mit verschiedenen Büchern unter dem Arm, die Zeichen zu entschlüsseln.

Der Zauberer war eine imposante Erscheinung. Er maß bestimmt an die 2 Meter. Der lange weiße Bart und die tiefen Furchen im Gesicht konnten erahnen lassen, wie alt er war. Auf dem zerzausten, weißen Haar trug er immer einen großen, goldgelben Strohhut mit breiter Krempe, an dem er eine große Adlerfeder angesteckt hatte. Ein langer, grober Leinenüberhang, der nur für die Arme und den Kopf Löcher hatte und unten offen war, stellte seine Bekleidung dar. Doch am auffälligsten an ihm war wohl sein Zauberstab. Er war nicht etwa grazil und schlank, wie man sich das immer vorstellt, sondern ein schwerer, knorriger Stock, der fast genauso groß war wie Moswig selbst. An seiner Spitze verdickte sich der Stab und daraus war der Kopf einer Schlange geschnitzt. Zwei rote Rubine dienten als Augen.

Igor hatte ein paar Mal schon versucht, diesen Knüppel zu tragen und ihn zu benutzen. Er wusste genau, welche Macht von dem Stab ausging, immerhin hatte er seinen Meister schon oft damit zaubern sehen. Also dachte er, er könne dann endlich der große Zauberer sein. Doch unter dem Gewicht brach er jedes Mal schier zusammen und musste sein Vorhaben gleich wieder aufgeben. Einmal hätte ihn Moswig beinahe dabei ertappt, als er seinen Zauberstab benutzen wollte. Aber im letzten Moment konnte er sich unter der schweren Last des Knüppels befreien und behauptete, er sei aus Versehen dagegen gerannt und dann sei der Stab auf ihn gefallen. Moswig wusste natürlich, dass dies so nicht stimmte, aber er zeigte es Igor nicht. Warum auch – er hätte mit dem Stab nie wirklich zaubern können und sein Helfer war schon genug gestraft. Schließlich hinterließ der fallende Stab auch genug blaue Flecken auf dem armen Kerl. Doch Igor wollte sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ihm sein Herr auf die Schliche gekommen wäre. Sicher hätte er ihn für ewig verhext oder mit einem schlimmen Fluch belegt. Dieses Spiel trieben die beiden nun schon, seit Igor in die Dienste von Moswig getreten war. Und das war schon sehr lange. Es war kurz nach dem großen Ereignis.

Alles war sattgrün und durch das dichte Blätterwerk kam nur wenig Licht. Nur ein paar vereinzelte Sonnenstrahlen schafften den langen Weg der Baumgipfel bis zum moosigen, feuchten Boden. Er war der perfekte Ort für ein gutes Versteck, wenn man nicht gesehen werden wollte. Gleichzeitig war es hervorragend zum Beobachten anderer geeignet. Moswig hatte diesen Ort lange gesucht, um endlich die Ruhe zu finden, die er nach all den Anstrengungen und Aufregungen auch dringend brauchte. Hätte er damals schon seinen Diener Igor dabeigehabt, wäre vielleicht einiges anders gelaufen und er hätte alles in Ruhe zu Ende bringen können. Aber so kam es dann doch anders und Moswig musste sich wieder unverrichteter Dinge zurückziehen. Es war ihm immer klar, dass es noch nicht vorbei war. Aber all die Jahre hatte er gehofft, dass er sich dieses Mal irren könnte. Und nun war es so weit. Es ging wieder los. Es ging immer wieder los. Es würde nie aufhören, bis er entweder endgültig verloren oder gewonnen hätte. Ohne Entscheidung ging es auch nicht. Das lag in der Natur der Sache. Doch er war sich nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt noch gewinnen wollte. Und war das dann überhaupt ein Gewinn? War er nicht schon zu alt und zu schwach? Aber sein Begleiter würde ihn nicht in Ruhe lassen. Er war es, der ihn immer wieder an seine Aufgabe erinnerte. Dafür hasste Moswig Igor auch – und er war ihm dankbar.

„Müssen wir wieder kämpfen?“, fragte Igor und neigte dabei seinen Kopf zur Seite. Doch er kannte die Antwort schon, auch wenn er gerne eine andere gehört hätte. „Ich denke ja. Aber dieses Mal könnte es für uns schwierig werden. Unser Vorteil ist nur, dass unser Gegner noch nichts von uns weiß, und wir können ihm zuvorkommen. Am besten wäre es, wenn wir es noch schaffen, zu verhindern, dass er unsere Welt betritt. Doch ich fürchte, dazu ist es schon fast zu spät. Ich gehe in den Wald, Igor – ich muss nachdenken.“ Igor antwortete nicht, sondern nickte nur. So ging Moswig aus dem ausgehöhlten Baum und verschwand im dunklen Dickicht des Waldes.

Igor war ein kleiner, hässlicher Gnom mit schütteren, rotblonden Haaren, die in Büscheln von seinem viel zu großen Kopf standen. Eine knollige, mit Warzen besetzte Nase überragte zwar den Rest des Gesichtes, doch seine wachen, listigen, braunen Augen lenkten von dem wirklich hässlichen Gesicht so ab, dass er auf unbekannte Weise sympathisch wirkte. Und das, obwohl die meisten seiner Zähne braun und verfault waren. Bekleidet war er mit Lumpen. Oder es sah zumindest so aus. Vielleicht waren die Fetzen an seinem Körper früher einmal Kleidungsstücke gewesen, aber das musste dann schon ziemlich lange her sein. Eine Farbe konnte man jedenfalls nicht mehr erkennen. Irgendwie war er im Laufe der Jahre so selbst zu einem Stück Wald geworden. Er hatte seinen Besen in einer Ecke der Baumbehausung abgestellt und beschäftigte sich jetzt damit, Zutaten in einen großen kupfernen Kessel zu werfen. In diesem wollte er einen Zaubertrank brauen, der seine Haare wieder zum Wachsen bringen sollte. Moswig hatte seinem Diener mehr als einmal verboten zu zaubern, doch jetzt, da er bestimmt mehrere Stunden nicht mehr nach Hause kommen würde, konnte er es doch noch einmal versuchen. Sein Können als Zauberer war ziemlich kläglich, und so versuchte er immer wieder, bei seinem Herrn ein paar Zauberkünste abzuschauen – was ihm nie gelang.

Und dieses ungleiche Paar wohnte, oder besser gesagt hauste, in dem gewaltigen, hohlen Eichenbaum. Anstelle der Fenster waren nur große Löcher im Baum, die mit braunen Leinensäcken verhangen waren, um vor neugierigen Blicken zu schützen. In einer Feuerstelle, in der Ecke des Baumes, knisterte ein lustiges Feuer, das aber weder Hitze noch Rauch entwickelte. Es diente nur dazu, das dunkle Innere der Baumbehausung zu erleuchten.

„Simon“, sonst sagte er nichts und sah den Jungen dabei an. Aber er sah ihm dabei nicht in die Augen, sondern er blickte nur in seine Richtung. Dann räusperte sich Herr Kynast, der Schulleiter, der seltsam verlegen in der Klassentür stand und gerade den Unterricht von Frau Geier, der Klassenleiterin, unterbrochen hatte: „Kommst du bitte mal kurz vor die Tür!“ Simon stand verwirrt auf und ging zu ihm. Normalerweise war der Leiter der kleinen Dorfschule nicht so kleinlaut, und wenn Simon zu ihm kommen musste, dann gab es auch meistens ein großes Donnerwetter. Schließlich war Simon kein Kind von Traurigkeit und immer wieder fielen ihm neue Dummheiten ein.

Für seine 13 Jahre war Simon nicht gerade groß. Den meisten Jungen aus seiner Klasse ging er gerade mal über die Schulter. Doch darüber dachte der Junge mit den blonden, frech zerzausten Haaren und den strahlend blauen Augen nicht groß nach. In seinem linken Auge hatte er drei gelbe Punkte. Seine Mutter meinte immer, das seien Sterne, die ihn beschützen. Und obwohl er ständig mit seinen Gedanken auf Wanderschaft war, gehörte er zu den Klassenbesten – wenn er wollte. Aber jetzt wurde er schroff aus seinen Gedanken gerissen und konnte sich, so fest er auch nachdachte, beim besten Willen nicht erinnern, was er schon wieder angestellt haben könnte.

Alle Augenpaare der restlichen Klassenkameraden waren nun auf ihn gerichtet und er hatte ein sehr ungutes Gefühl in der Magengegend. Als er dem Ausgang näherkam, sah er hinter dem Schulleiter seine Mutter stehen. Und was er da sah, erschreckte ihn noch mehr. So hatte er sie noch nie gesehen. Ihr ernster und zugleich trauriger Gesichtsausdruck ließ ihn erschauern. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken und er bekam eine Gänsehaut. An der verwischten Schminke um die Augen konnte man leicht erahnen, dass sie geweint haben musste. Jetzt wurde Simon erst so richtig mulmig zumute. „Was zum Teufel ist hier nur los?“, dachte er sich. Doch als er zur Tür kam, schloss Herr Kynast diese sofort hinter sich und legte ihm väterlich die Hand auf die Schulter und nach einer kurzen Pause, die Simon allerdings wie eine Ewigkeit vorkam, meinte er mit ruhiger Stimme: „Deine Mutter muss dir etwas sagen, Simon.“ Nach einer weiteren endlosen Pause, in der sich die drei nur ansahen, fing seine Mutter endlich an zu reden. „Simon, dein Großvater liegt im Krankenhaus. Allem Anschein nach wird er wohl nicht mehr lange leben.“ Simon spürte, wie der Boden unter seinen Füßen weggezogen wurde. „Hepa!“, schrie Simon. „Hepa liegt im Krankenhaus?“ Er nannte seinen Großvater immer schon Hepa, das war eine Mischung aus Helmut, dem Vornamen seines Großvaters, und eben Opa. Sein Hepa war sein Ein und Alles. Er war sein bester Freund und sein Vertrauter. Mit niemandem konnte man besser blödeln, aber er hatte auch immer ein Ohr für seine Probleme. Und dieser Mensch soll jetzt im Krankenhaus im Sterben liegen. Das durfte nicht sein. „Komm, Simon“, mahnte seine Mutter, „lass uns zu ihm fahren. Hepa will dich unbedingt sehen und dir etwas unter vier Augen sagen. Von Mann zu Mann.“ Herr Kynast nickte Simons Mutter und Simon nur zu und sie gingen wortlos den langen Korridor entlang, eine Treppe tiefer in das Erdgeschoss und durch die große Glastür der Schule. Draußen angekommen waren es vielleicht noch 100 Meter bis zum Parkplatz, auf dem seine Mutter ihren alten, mehr rostigen als roten Fiat Panda geparkt hatte. Doch Simon kam es vor wie in einem schlechten Traum. Er realisierte gar nicht richtig, dass er sich bewegte, und in seinem Kopf schwirrten die Gedanken nur so hin und her. Herr Kynast hatte sie den ganzen Weg bis zum Auto begleitet. Jetzt verabschiedete er sich nur mit einem „Kopf hoch, Simon, wir sehen uns morgen“. Dann drehte er sich um und ging zurück in die Schule, in die Simon jetzt so gerne wieder zurückgelaufen wäre. Doch er wollte auch zügig zu seinem Hepa.

Simon konnte nicht mehr klar denken. Er konnte das alles nicht verstehen. Gestern noch war er bei Hepa und sie haben Pläne für die Sommerferien geschmiedet. In 5 Wochen, wenn die Ferien losgingen, sollte er wie immer einen Teil der Ferien bei seinem Großvater verbringen. Die restlichen Ferien war er dann abwechselnd bei seiner Mutter und seinem Vater. Seine Eltern lebten seit 6 Jahren getrennt. Am Anfang war das sehr schlimm für Simon, da er bei beiden bleiben wollte. Damals, mit 7 Jahren, war ihm aber schon klar, dass er sich nur für einen Elternteil entscheiden konnte. Also blieb er bei seiner Mutter. Seinen Vater besuchte er, mal mehr, mal weniger regelmäßig, alle zwei Wochen am Wochenende. Und während dieser Zeit war sein Hepa, der Vater seiner Mutter, zu einem wichtigen Stützpfeiler in seinem Leben geworden. Er gab ihm den Halt und die Sicherheit, die er in dieser Zeit so dringend brauchte. Eben genau das, was sich Kinder am meisten wünschen. Kein Geld, keine großartigen Versprechungen, sondern eben einfach nur Geborgenheit und Liebe. Doch was sollte jetzt werden, ohne Hepa? Nein! Er würde schon einen Weg finden. Und Hepa wird auch sicher bald wieder gesund. Er ist schon so alt, 82 Jahre. Da kann man schon mal etwas schwach werden und muss dann auch ins Krankenhaus. Aber die Ärzte werden ihm schon helfen und in ein paar Tagen, vielleicht auch Wochen, ist er ganz gesund wieder zu Hause. Und dann wird auch alles so wie bisher. Genau so wird es sein.

Inzwischen chauffierte seine Mutter den Kleinwagen durch ihr Dorf, über die Landstraße in die nächste Stadt zum Krankenhaus. Simon hasste Krankenhäuser. Zum letzten Mal, als er in einem war, packte ein Arzt seinen Arm für 4 Wochen in einen Gips. Und das alles nur wegen einer blöden Wette mit seinem Freund Linus. Es ging dabei darum, ob Simon es schaffen würde, über die Mauer des Schulhofes zu kommen. Und als Simon versuchte, mit einem langen Nussbaumstab über die etwa 2 Meter hohe Mauer zu springen, brach der Stab in der Mitte auseinander und Simon knallte mit seinem Arm auf die Kante der Mauer und rammte sich ein Ende des Bruchstückes in den Bauch. Der Bauch blieb bis auf ein paar blaue Flecken unverletzt. Und dass er erst, nachdem er blitzblau angelaufen war, auf dem Boden liegend wieder Luft bekam, hatte er auch schnell vergessen. Doch der Arm stand seltsam von seinem Körper ab. So als ob er noch ein Gelenk mehr hätte. Am Anfang dachte er, dass ja alles noch mal einigermaßen gut gegangen sei, doch dann kamen langsam die Schmerzen. Ein Notarztwagen brachte ihn mit Blaulicht in die Klinik, wo er erst einmal warten musste, bis ein Untersuchungsraum frei wurde. Dann schnitt ein Krankenpfleger auch noch sein Lieblings-T-Shirt auf – und da erst sah Simon, was wirklich vorgefallen war. Der Arm war am Oberarm gebrochen. Von diesem Moment an kamen auch die Schmerzen mit aller Gewalt über ihn. Wie eine große Welle, die unerbittlich über ihm zum Brechen kam und ein Davonlaufen unmöglich machte. Er konnte nur noch losheulen. Teilweise über die Schmerzen und weil er so dumm war, keine stabilere Stange genommen zu haben. Und dann hatte er auch noch die Wette verloren und sein kaputtes T-Shirt – das war einfach zu viel. Endlich kam ein Arzt, stach ihm eine Nadel in die Ellenbeuge, hängte ihm eine Infusion an, und von da an konnte er sich an nichts mehr erinnern. Nur, dass er auf einmal einen seltsamen Geschmack wie von Knoblauch im Mund hatte, müde wurde und die Welt vor seinen Augen verschwand. Als er aufwachte, waren die Schmerzen so gut wie weg und er hatte einen giftgrünen Gips von der Schulter bis zum Handgelenk. Genau in den Ferien, ganz toll.

Simon konnte in dieser Zeit weder Radfahren noch Gitarre spielen. Und das ärgerte ihn am meisten. Denn Gitarre spielen war sein liebstes Hobby. Jede freie Minute verbrachte er in seinem kleinen Zimmer und übte auf seiner Jugend-Gitarre. Er konnte zwar keine Noten lesen, doch hatte er die Gabe, sich ein Musikstück anzuhören und dann einfach nachzuspielen. So kam es, dass ein Großteil seines Taschengeldes für Musik zum Herunterladen verbraucht wurde. Nach diesem blöden Unfall konnte er zwar noch seine Musik hören, aber nichts mehr nachspielen. Mit Grauen erinnerte er sich an diese Erfahrung, die jetzt, auf dem Weg ins Krankenhaus, wieder lebendig wurde, als sei es erst gestern geschehen.

Was würde ihn jetzt im Krankenhaus erwarten? Seine Mutter hatte ihm im Auto erzählt, dass Hepa auf der Intensivstation liegt und an viele Schläuche angeschlossen ist. Sie wollte ihn so auf den Anblick vorbereiten, der ihn nun gleich erwarten würde. Er sollte nicht erschrecken. Schockierend war für ihn aber schon der Anblick des Krankenhauses an sich. Ein altes Gemäuer mit grauer Fassade, die seit vielen Jahren schon nicht mehr gestrichen worden war, und großen Fenstern, in denen man die Galgen der Patientenbetten sehen konnte. Dieser Anblick würde wohl jeden dreizehnjährigen Jungen erschrecken. Seine Mutter suchte noch kurz nach einem Parkplatz, und dann gingen sie zum großen, hölzernen Eingangstor. Kaum hatten sie das Krankenhaus betreten, schlug ihnen schon dieser typische Geruch, der sich aus Desinfektionsmitteln, altem Schweiß und Krankenhausessen zusammensetzt, entgegen. Simon wurde schlagartig schlecht. Kreidebleich im Gesicht folgte er jetzt seiner Mutter über die breite, steinerne Treppe hinauf in den ersten Stock. Vor einer Tür standen eine ganze Menge Ärzte in weißen Kitteln, die sich intensiv mit einer Schwester unterhielten. Diese schob einen Rollwagen vor sich her, auf dem Akten aufgetürmt waren. Simon bekam ein paar Wortfetzen wie „Entweder operieren wir gleich, oder wir lassen ihn sterben“ und „Ich hoffe nur, dass wir die richtige Entscheidung treffen“ mit. Simons Magen begann sich zu verkrampfen und er konnte seinen Brechreiz kaum noch unterdrücken. Sie gingen einen langen Gang entlang, bis sie vor einer großen Milchglastür standen, auf der in großen roten Buchstaben „Eintritt verboten, Intensivstation“ zu lesen war. Am liebsten hätte Simon jetzt die Flucht ergriffen und wäre nach Hause gerannt, um sich in seinem Bett zu verkriechen. Aber er wollte natürlich auch zu seinem Hepa und ihm helfen. Seine Mutter drückte auf einen großen roten Klingelknopf neben der Tür. Eine Schwester, die nicht in Weiß, sondern in weiten blauen OP-Klamotten bekleidet war, öffnete und fragte, zu wem sie wollten. Die Mutter erklärte kurz, wer sie sind, dann durften sie die Station betreten. Sie mussten sich einen weißen, viel zu großen Kittel und blaue Plastiküberschuhe anziehen. Dann führte sie die Schwester in Hepas Krankenzimmer. Simon hielt sich ängstlich an Mutters Hand fest. Wer war das, der in dem Bett lag? „Das ist nicht mein Hepa“, dachte sich Simon. Da lag ein alter Mann in einem Bett, aus dem überall Schläuche kamen. Und um dieses Bett herum standen Unmengen technischer Geräte, die blinkten und bedrohliche Pieptöne von sich gaben. Das Licht war gedämmt und Simons Augen mussten sich erst an das schummrige Licht gewöhnen. Doch plötzlich bewegte sich der alte Mann, öffnete die Augen und sah zu Simon. Es war tatsächlich Hepa, der ihm jetzt zuzwinkerte. „Hepa, mein Hepa“, schrie Simon und lief zum Bett. Großvater zog ihn zu sich und drückte ihn ganz sanft an seine Brust. „Hallo, mein kleiner Blondschopf, schön, dass du gekommen bist“, flüsterte er ihm zu. „Schau mal, was die hier mit mir machen. An lauter Schläuche haben sie mich festmachen müssen, damit ich ihnen nicht weglaufen kann. Da siehst du mal, wie gefährlich dein Hepa sein muss.“ Simon lächelte. Jetzt hatte er wieder mehr Hoffnung, dass er die Ferien doch mit seinem Großvater verbringen konnte. Alles würde gut werden. Simons Mutter Lore begrüßte Hepa mit einem Kuss auf die Stirn. Ihr standen Tränen in den Augen, was Simon aber nicht sehen konnte. Jetzt kam der Forscher in ihm durch. Natürlich musste Hepa ihm jetzt erzählen, was die ganzen Schläuche bedeuten und welche Medikamente er bekommt. Seine Mutter redete mit Hepa über alle möglichen Dinge, beispielsweise darüber, was es zu essen gegeben hatte oder darüber, dass die Nachbarn ausziehen würden, und so weiter. Eines der vielen Geräte interessierte Simon ganz besonders. Es sah aus wie ein kleiner Fernseher mit Bildstörung. Darauf waren verschiedene Linien, die sich bewegten. Auf einer dieser Linien erschienen immer wieder Zacken. Daneben stand eine Zahl, die sich ständig veränderte. Die Schwester, die jetzt noch dazu kam, um Hepa den Blutdruck zu messen, erklärte Simon, dass er hier Großvaters Herzschlag sehen kann. Jede Zacke ist ein Herzschlag. Manchmal waren aber mehrere unterschiedliche Zacken hintereinander, und das sah selbst für ein Kind wie Simon nicht wirklich gut aus. Die Schwester machte ein besorgtes Gesicht, das sie allerdings vor Simon verbergen wollte. Und das machte es für den Jungen dann noch bedrohlicher. Die Mutter wollte sich schon von Großvater verabschieden und ihm sagen, dass sie morgen wiederkommen werden, als dieser sagte, er müsse Simon noch ein Geheimnis anvertrauen und er würde gerne alleine mit ihm sprechen. Also verabschiedete sie sich von ihrem Vater, wie sie ihn begrüßt hatte, und verließ das Zimmer. Sie erklärte Simon, dass sie noch mit dem Arzt sprechen wolle und vor der Tür auf ihn warte. Jetzt war Simon aber richtig neugierig geworden. „Was für ein Geheimnis, Hepa?“, fragte er. „Komm doch mal hierher und setz dich zu mir aufs Bett. Es ist jetzt wohl die Zeit gekommen, dich in unser Familiengeheimnis einzuweihen. Eigentlich wollte ich es dir erst sagen, wenn du 18 Jahre alt geworden bist. So wie mein Vater mir und dessen Vater ihm. Seit vielen Generationen ist es bei uns Sitte. Doch ich werde wohl nicht mehr so viel Zeit haben. Deshalb weihe ich dich heute in das große Geheimnis der Welten ein.“ Er machte eine längere Pause und atmete schwer. Simon sah, dass es seinen Großvater sehr anstrengen musste, so viel zu reden. Er hatte Schweißperlen auf der kalten Stirn und konnte nur noch mit großer Mühe sprechen. „Was ist es denn?“, fragte er, vor Neugierde fast platzend. „Es steht alles in einem alten Buch, man nennt es ‚Das Buch der Wahrheit‘. Es ist schon seit mehreren Jahrhunderten in unserem Familienbesitz und du sollst es jetzt bekommen und weiter für unsere Familie verwahren. Keiner weiß, warum ausgerechnet unsere Familie es hat, und weder mein Vater noch ich haben darin je gelesen. Nur in einem absoluten Notfall darfst du es öffnen oder wenn das Buch danach verlangt. Es darf nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Nur du darfst es lesen, sonst niemand!“ Er musste wieder eine Pause einlegen. Dabei schloss er die Augen und atmete tief durch. „Du musst nur in meinen Keller gehen, dann findest du es. Du kannst es gar nicht verfehlen, es wird sich für dich bemerkbar machen. Aber du musst mir versprechen, dass du es nur innerhalb unserer Familie weitergeben wirst.“ „Das verspreche ich dir, Hepa, du kannst dich auf mich verlassen“, flüsterte Simon ihm ins Ohr. „Ich weiß, du bist ein guter Junge.“ Und wieder schloss er die Augen und atmete schwer durch. „Was ist es denn für ein Buch und wo ist es versteckt?“ „Großvater …“ Doch sein Großvater antwortete nicht mehr. Es schien, als sei er eingeschlafen. Tot war er nicht, das konnte Simon an den Zacken auf dem Monitor und an den Atembewegungen sehen. Aber Hepa antwortete nicht mehr. Und auch die Augen hielt der Großvater geschlossen. Simon rüttelte an Hepas Arm, doch der war so tief eingeschlafen, dass er nicht mehr reagierte. „Hepa, wach doch bitte wieder auf. Du musst mir noch sagen, wo das Buch versteckt ist, ohne dich kann ich es nicht schaffen. Ich brauche dich.“ Da kam die Schwester wieder ins Zimmer, und mit einem kritischen Blick auf den Fernseher über Großvater bat sie Simon, aus dem Zimmer zu gehen. Seine Mutter stand bei einem Arzt und die beiden unterhielten sich. „Mutter, komm schnell her, Großvater stirbt“, schrie er ihr zu. Erschrocken sah seine Mutter zu ihm und lief auf Simon zu. „Was ist los?“, fragte sie. „Großvater stirbt“, wiederholte Simon. Der Arzt hatte inzwischen das Krankenzimmer betreten und erkundigte sich bei der Schwester, was los sei. Er kam wieder heraus und erklärte Simon und seiner Mutter jetzt, dass es Großvater tatsächlich miserabel ginge und er jetzt so fest eingeschlafen sei, dass er wahrscheinlich nicht mehr aufwachen würde. Er sei einfach schon zu alt und sein Herz wolle nicht mehr so recht mitmachen. „Er wird bestimmt wieder gesund“, weinte Simon, „er muss sich jetzt nur ausruhen.“ „Gib ihm Zeit“, meinte der Arzt. „Dein Großvater ist schon sehr alt und er wird leider nicht mehr lange leben können.“

Aus dem Kessel begann nun immer mehr grünlicher Qualm aufzusteigen. Igor blätterte verzweifelt in einem Buch, das auf dem groben hölzernen Tisch lag, und murmelte immer nur „Hier muss es doch irgendwo stehen“ vor sich hin. Sein Zaubertrank, der ihm wieder Haare wachsen lassen sollte, schien sich in der Zwischenzeit selbstständig zu machen. Aus dem Qualm wurden nun dicke Wolken und eine breiige Flüssigkeit waberte langsam über den Rand des Kessels und lief in das Feuer, das Igor absichtlich mitten im Raum gemacht hatte. Jeder der Tropfen, der in die Glut geriet, wurde sofort zu einer großen, giftgrünen Nebelschwade, die sich langsam durch den Raum zu schlängeln schien. Langsam krümmten sich die Nebelschlangen auf Igor zu, der aber von dem Ganzen nichts zu merken schien und immer nervöser in dem Buch hin- und herblätterte. Je näher der Nebel dem Gnom kam, umso mehr nahm er auch tatsächlich die Gestalt einer Schlange an, und sie sah nicht gerade freundlich aus. Zischelnd wand sich das grüne Biest, ganz langsam, um das Stuhlbein, auf dem Igor saß, weiter über die Lehne in Richtung Igors Kopf. Es riss sein Maul weit auf, aus dem riesige, spitze Giftzähne blitzten, die sich jeden Moment in Igors Hals bohren wollten. Die kalten, schwarzen Augen fixierten nun genau die Stelle am Hals, wo man eine pochende Ader erkennen konnte. Ihr Kopf bewegte sich nun langsam von Igors Kopf weg. So konnte die Schlange ihre Muskeln anspannen und dann blitzschnell den tödlichen Biss platzieren. Und genau in dem Moment, in dem sie zustoßen wollte, stand Moswig in der Tür und wirbelte wie wild seinen Zauberstab über Igors Kopf. Dabei schrie er nur kurz „Zurück!“ Das war alles. Sofort löste sich die Schlange wieder in Rauch auf und verschwand im Kessel, aus dem sie gekommen war. Igor starrte seinen Meister nun mit großen Augen an. Erst jetzt realisierte er, was geschehen war. Um ein Haar hätte dieses Biest ihn gebissen, was er sicher nicht überlebt hätte. Doch noch mehr Angst als vor der Schlange schien er vor Moswig zu haben. Denn sofort versuchte er, eine Ausrede zu finden: „Ich wollte nur etwas kochen, aber irgendwie habe ich die Rezepte verwechselt …“ Ohne auf Igors Ausflüchte einzugehen, meinte Moswig nur: „Igor Krumm“, so nannte Moswig seinen Helfer nur, wenn er etwas angestellt hatte, „Igor Krumm, wir müssen los. Ich weiß nur bislang nicht, wie wir es schaffen werden. Aber auf jeden Fall müssen wir zügig los. Die Zeit wird knapp.“ Igor merkte sofort, dass es jetzt klüger war, nichts mehr zu sagen – jetzt benötigte sein Meister Hilfe und nun war es seine Aufgabe, sie ihm zukommen zu lassen. „Wir müssen versuchen, den Drachen Frego auf unsere Seite zu bekommen, Moswig. Auch wenn es dir nicht gefällt, aber ohne ihn haben wir keine echte Chance.“ Igor hüpfte immer, wenn er nervös wurde, von einem Bein auf das andere. Es sah immer so aus, als ob er tanzen wollte, aber den Takt nicht fand. Moswig hatte ihn zwar schon tausend Male gebeten, damit aufzuhören, aber Igor konnte einfach nicht anders. Einmal hatte Moswig ihn, aus lauter Wut über dieses Gehopse, sogar schon für ein paar Tage in einen Leguan verhext. Doch Igor konnte diese Eigenart nicht ablegen. Und jetzt tanzte er wie verrückt von einem Bein auf das andere. So erregt war er. Um ein Haar hätte ihn die Schlange gebissen, und dann begann jetzt auch noch die Schlacht, von der beide gehofft hatten, dass sie nie stattfinden würde. Doch sie hatten sich darauf schon lange vorbereitet, schließlich war es doch unausweichlich. Sie wussten beide, dass es sicher besser war, sich nun Verbündete zu suchen. Doch die Idee, sich den Drachen Frego auf ihre Seite zu holen, gefiel Moswig gar nicht. Er hatte vor vielen Jahren schon einmal zusammen mit dem Drachen gegen die sieben Schwestern der Jugend gekämpft. Und zum Schluss, als es immer gefährlicher wurde, hatte der Drache ihn einfach im Stich gelassen. Er meinte später nur einmal zu Moswig, dass er überzeugt war, dass es der Zauberer nun auch ohne ihn schaffen würde, und deshalb hatte er ihn verlassen. Moswig war sich nie wirklich sicher, ob Frego das wirklich so meinte. Aber er wusste auch, dass er alleine nicht gegen seinen neuen Gegner ankommen würde. Und der Drache war sehr stark und auch listig. „Wir werden morgen losgehen und den Drachen suchen“, sagte Moswig zu Igor. „Pack alles zusammen, was wir für die lange Reise benötigen werden. Wirf es auf den Wagen und vergiss meinen Mantel nicht. Dann spann den wilden Stier ein und lass uns im Morgengrauen aufbrechen.“ Igor hüpfte fast schon bis an die Decke. Ihm war nicht wohl bei der Sache. Warum hatte er nicht einfach den Mund gehalten? Vielleicht wären sie dann hiergeblieben. Doch jetzt war es zu spät – die Schlacht sollte beginnen. Und auch wenn er Angst vor dem hatte, was jetzt auf sie zukam, gehorchte er seinem Meister. Denn noch größer war die Furcht, dass sein Herr ihn verwandeln oder verstoßen könnte. Also gehorchte er, wenn auch ständig vor sich hinmurmelnd. Moswig begann inzwischen, seine Habseligkeiten zusammenzusuchen. Waffen würde er nicht benötigen, so hoffte er. Schließlich war er ein sehr mächtiger Zauberer. Seit er die Schwestern der Jugend besiegt hatte, gab es auf der ganzen Welt Edra keinen einzigen Bewohner, der ihm die Stirn geboten hätte. Sicher wollten es immer wieder einige versuchen, doch bis zum Kampf war es nie gekommen. Zu listig und gewitzt war dieser Zauberer Moswig. Doch sicher war er sich nicht. Würde seine Zauberkraft auch stark genug sein, um den neuen Gegner besiegen zu können? Und da er ihn nicht kannte, sondern nur in seinen Träumen gesehen hatte, war er unsicher. Es war also besser, all seine Bücher und den großen, knorrigen Zauberstab mitzunehmen. Und natürlich auch alle Zutaten, die er für Zaubertränke benötigte. Also packten sie den Wagen voll und legten sich ein letztes Mal, bevor sie aufbrachen, um den Drachen Frego zu suchen, zum Schlafen in den hohlen, riesengroßen, uralten Baum. Und Moswig wusste, dass dies für eine lange Zeit das letzte sein würde.

Als Simon und seine Mutter Lore mit dem alten Auto in die Tiefgarage ihres Wohnblockes fuhren, standen seine Freunde Marie und Linus schon in der Einfahrt. Sie versuchten mit Inlineskates den Abhang hinab bis zum Rolltor ein Wettrennen auszutragen. Linus war dabei der Langsamere, denn Marie war nicht nur ein Jahr älter als Linus, sie war auch die Sportlichere von den beiden. Simon sah ihr gerne im Sportunterricht zu. Es gefiel ihm, wie geschickt sie sich bewegen konnte und ihre nackenlangen, blonden Haare wie seidene Tücher ihr hübsches Gesicht umhüllten. Linus gehörte zu den unauffälligen Typen in der Klasse, in die die drei gingen. Er war nur unbedeutend größer als Simon und die Haarfarbe nannte Marie immer nur abfällig „Straßenköterfarbe“. Auffällig waren seine etwas zu groß geratene Hakennase und der schmale Kopf. Maries Spitzname für Linus war deshalb auch Geier. Das war zwar nicht nett von ihr, doch Linus konnte Marie einfach nicht böse sein. Sie hatte eine Art, die jeden zum Lachen brachte, der in ihre Nähe kam. Und von diesem Zauber war Linus eben ganz besonders angetan. Simon sprang aus dem Auto und die zwei Freunde kamen sofort angefahren. „Hey Simon“, schrie Marie. „Hol deine Skates und lass uns um die Wette fahren.“ „Mir ist nicht nach Skaten zumute. Ich glaube, ich will gar nichts machen.“ „Was ist los mit dir?“, fragte Marie besorgt. Inzwischen kam auch Linus schon angerollt und sah, dass mit seinem Freund etwas nicht stimmte. Simon fing an zu erzählen, dass sein Großvater im Krankenhaus liegt und was er dort gesehen und erlebt hatte. Die beiden hörten einfach nur zu, und als Simon mit seinen Erzählungen fertig war und ihm ein paar Tränen die Wange herunterliefen, nahm Marie ihn wortlos in den Arm. So standen die drei eine Weile da, bis Linus neugierig fragte: „Was hat dir dein Großvater für ein Geheimnis anvertraut? In eurer Familie gibt es ein geheimes Buch?“ „Ja, aber ich darf es euch nicht lesen lassen.“ „Egal“, jetzt sprudelten die Worte aus Linus nur so heraus. „Du musst es uns gar nicht lesen lassen. Aber DU kannst es doch lesen und vielleicht kannst DU uns dann ein wenig etwas daraus erzählen. Komm, wir gehen es sofort suchen.“ Marie war seiner Meinung: „Ich glaube auch, dass es richtig ist. Hepa wollte es doch auch so. Wer weiß, vielleicht kann es ihm sogar helfen. Oder warum hat er es dir ausgerechnet jetzt gesagt?“ Simon überlegte kurz und willigte dann auch ein. „Ich geh’ nur noch kurz meine Skates holen und sage meiner Mutter Bescheid. Ich bin gleich wieder da.“ Seiner Mutter wollte er aber nicht sagen, was sie vorhatten. Sie würde es ja ohnehin nicht verstehen. Erwachsene verstehen Kinder nie. Er packte seine Skates und die Schützer, sagte seiner Mutter nur, dass sie durch die Gegend fahren und lief zurück zu seinen Freunden. Seine Mutter rief ihm noch hinterher: „Aber um 8 Uhr bist du zu Hause, hast du denn deine Hausaufgaben schon fertiggestellt, und zieh die Jacke an.“ Doch Simon hörte sie nicht mehr. Er war mit seinen Gedanken schon lange in Hepas Keller. Wo sollte er nur zu suchen beginnen? So fuhren die drei Freunde mit ihren Skates die Straßen entlang zu Hepas Haus. Es war ungefähr 2 Kilometer von der Wohnung seiner Mutter entfernt und lag an einem kleinen Berg. Von der Straße aus konnte man das gigantische Grundstück nicht einsehen, doch wenn man um das Haus herumlief, kam man direkt in den großen, wunderschön bepflanzten Garten. Hier war alles voll mit Blumen. Am anderen Ende des Grundstücks, auf dem das Haus stand, mitten in der Wiese, befand sich ein kleines, hölzernes Gartenhäuschen. Nebenan lag ein weitläufiger Gartenteich, der von Seerosen übersät war und in dem zahlreiche kleine Fische sich tummelten. Mit Wasser gespeist wurde der Teich durch einen kleinen Bach, der aus einem Felsspalt am hinteren Ende des Teiches kam. Doch was Simon nie verstanden hatte, war, dass der Teich keinen Über- oder Ablauf hatte. Es lief zwar konstant Wasser in ihn hinein, doch der Wasserstand blieb immer gleich. Vielleicht war er auch einfach nur undicht.

Das letzte Stück der Straße zu Hepas Haus war den drei Freunden immer am liebsten. Mit ihren Skates fuhren sie den steilen Berg in großen Kurven, mit ausgestreckten Armen, als ob sie Flugzeuge wären, hinunter. Und da die Straße auch nicht sehr befahren war, kamen selten Autos, denen sie ausweichen mussten. Am besten konnte Marie diese Technik. Elegant, mit richtiger Schräglage und wehendem Haar, „bretterte“ sie die Straße hinunter. Simon fuhr zwar nicht so elegant, aber dafür umso schneller und wilder. Nur Linus hatte beim Bergabfahren immer etwas Probleme. Die ersten Meter liefen recht gut, doch plötzlich verlor er das Gleichgewicht. Sein Oberkörper neigte sich leicht nach hinten, und um diese Rücklage auszugleichen, begann er wild mit den Armen zu rudern. Das verschlimmerte die Situation nur noch zusätzlich. Immer wilder, in der Gegend herumfuchtelnd, steuerte er direkt auf einen der Bäume zu, die die Straße säumten. Marie und Simon wollten noch warnen, dass ein Baum im Weg stehe, doch da war es auch schon passiert. Mit einem ohrenbetäubenden Schrei – niemand konnte mehr sagen, wer der Lauteste gewesen war – und einem noch gewaltigeren Krachen, prallte Linus frontal dagegen. Er umarmte den Baum, glitt langsam an ihm herab und sank schließlich völlig erschöpft am Straßenrand zusammen. Nach ein paar Schrecksekunden eilten seine beiden Freunde sofort zu ihm, um ihm zu helfen. Voller Elan wollte Linus sich aufrappeln, doch die Inlineskates an seinen Füßen hatten andere Pläne. Im nächsten Moment geriet er wieder ins Schlingern und plumpste, zum zweiten Mal, wie ein nasser Sack auf seinen Hintern. Für einen Augenblick blieb er verdattert sitzen, und das Echo seines Sturzes hallte noch in seinen Ohren. Der Schmerz kribbelte vom Steißbein bis in die Zehenspitzen, während ihm die Szene selbst ein verlegenes Grinsen auf die Lippen zauberte. Ein kleiner Held der Straße, mit zerzaustem Stolz und einem Hauch Dramatik, der nun tapfer versuchte, sich wieder zu fassen. Um weiteres Unheil abzuwenden, schlug Marie Linus vor, dass Linus sich zurückhalten und einfach sitzenbleiben solle und sie den Rest erledigen werde. Marie kniete sich neben Linus, zog ihm vorsichtig die Skates aus und lächelte beruhigend, während Simon Linus seine Schutzausrüstung abstreifte.

Nach ein paar Minuten konnte er dann auch schon wieder aufstehen und mit Unterstützung seiner Freunde, die ihn an beiden Seiten flankierten, zum Haus von Simons Großvater humpeln. Simon meinte nur, dass wohl nichts gebrochen sein konnte, denn sonst würde er sicher nicht laufen können. Marie schaute Simon nur böse an, mit einem Blick, der ihm ganz klar zeigte, dass er so etwas gar nicht beurteilen konnte und man am besten doch einen Krankenwagen holen sollte. Linus gab ihnen aber zu verstehen, dass es wirklich nicht so schlimm wäre, und so humpelte das Trio zum Haus des Großvaters. In der Garageneinfahrt zogen Simon und Marie dann auch erst mal ihre Skates aus. Dann holte Simon seinen Schlüssel aus der Hosentasche und sperrte damit das große Schmiedeeisentor auf. Er hatte schon als kleines Kind von Hepa einen Schlüssel für das Haus bekommen, damit er jederzeit zu ihm kommen konnte. Das Tor war mit angelöteten Metallrosen verziert, und in der Mitte befand sich ein Kreis mit einem verbogenen Kreuz. Simon hatte seinen Großvater einmal gefragt, was das Zeichen zu bedeuten hätte, doch der meinte, es sei nur zur Verzierung. Sie stiegen ein paar Steinstufen hinunter zu einem kleinen Vorhaus, dessen Glastür Simon aufschloss. Dort stellten sie ihre Sachen ab, und Simon öffnete die Haustür. Er war schon unzählige Male durch diese Türe gegangen, doch dieses Mal war sein Gefühl ganz anders. Er fühlte sich wie ein Einbrecher, der sich nachts heimlich in fremde Häuser schlich und ständig darauf achtete, nicht entdeckt zu werden. Aber es war Großvaters Haus und er kein Dieb. Ganz im Gegenteil, Hepa wollte sogar, dass er nach dem Buch suchen sollte. Es war sein Auftrag! Warum hatte er dann dieses Gefühl? Vielleicht, weil er seine Freunde mitgenommen hatte? „Vielleicht sollen wir das nicht machen. Ich glaube, es ist nicht gut“, meinte Simon ängstlich. „Lass uns doch hineingehen, und dann können wir in Ruhe noch einmal darüber reden. Außerdem sollte Linus sich hinsetzen, der sieht nicht wirklich gut aus“, entgegnete Marie. Und das stimmte auch. Linus war ganz grün im Gesicht und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er stotterte auch nicht wie sonst, wenn er aufgeregt war, nein, er sagte gar nichts mehr. Und das war dann schon sehr außergewöhnlich. Also traten sie in das Haus ein. Es wirkte durch den dicken, dunkelroten Teppich und die dunklen Holzmöbel sehr düster. Die Augen mussten sich für einen Moment an diese Dunkelheit gewöhnen, um etwas erkennen zu können. „Wollt ihr etwas trinken?“, fragte Simon, der immer unruhiger wurde. „Klar“, meinte Marie, „ich hätte gerne Wasser und ich denke, für Linus wäre ein Schluck Wasser jetzt auch nicht das Schlechteste.“ Also lief Simon schnell die hölzerne Treppe in den Keller hinunter und holte die Getränke. Beim Nach-oben-laufen stolperte er aber fast über eine Stufe, an der er hängenblieb. Er konnte sich gerade noch fangen. Wie ein Artist im Zirkus balancierte er die Wasserflaschen, damit sie nicht auf den harten Boden fielen. Dann lief er die restlichen Stufen nach oben und stellte die Flaschen auf den Tisch. „Was war los?“, fragte Marie. „Was hat da so gepoltert?“ „Ich bin nur etwas gestolpert, ist aber nichts passiert.“ Simon verteilte Gläser und schenkte erst den Freunden und dann sich Wasser ein. „Ich weiß nicht so recht“, meinte er wieder, „vielleicht sollten wir das nicht tun. Ich habe kein gutes Gefühl dabei.“ „Ach Quatsch“, entgegnete Marie. Linus bekam langsam auch wieder Farbe, sagte aber immer noch nichts. „Dein Großvater ist doch ein sehr kluger Mann. Er hat sich sicher etwas dabei gedacht, dass er dir das Geheimnis jetzt schon anvertraut hat. Vielleicht steht in dem Buch etwas darüber, wie man ihn heilen könnte. Vielleicht so etwas wie eine besondere Medizin oder etwas Mystisches.“ Und jetzt meldete sich auch Linus zu Wort, der nun auch neugierig wurde. „Warum sitzen wir hier noch rum? Wir sollten keine Zeit verlieren und sofort zu suchen beginnen! Wo ist das Buch versteckt?“ „Im Keller“, hat Hepa mir gesagt. „Aber wo genau, weiß ich leider nicht.“ Hintereinander betraten sie den dunklen Keller, aus dem ihnen ein intensiver, muffiger Geruch entgegenschlug. „Der Keller ist ja riesig“, staunte Linus. Und so war es auch. Der Keller war nicht nur riesengroß – er hatte schier unendlich viele Räume. Außerdem war er mit so viel Gerümpel zugestellt, das sich im Laufe der vielen Jahre angesammelt hatte, dass die drei beim besten Willen nicht wussten, wo sie zu suchen beginnen sollten. In den schwachen Lichtkegeln ihrer Taschenlampe tauchten überall staubige Umzugskartons, alte Möbel und vergilbte Bilderrahmen auf. Das Licht ließ lange Schatten über den Boden tanzen, während der muffige Geruch von altem Papier und Holz in der Luft hing. Ein verrostetes Fahrrad lehnte an einer Wand und ein riesiger, zerbeulter Koffer ragte aus einem Haufen ausrangierter Kleider hervor. Je tiefer sie in das Labyrinth aus Kisten und Krempel blickten, desto mehr wirkte der Keller wie eine Schatzkammer voller vergessener Geschichten. Simons Großvater hatte nach dem Tod seiner Frau, die Simon leider nie kennen gelernt hatte, alles, was die beiden gemeinsam besessen hatten, in den Keller geräumt. Und da stand es nun neben den vielen anderen Dingen, die Hepa noch sammelte. Er trieb sich liebend gerne auf Trödelmärkten herum, um lauter unnütze Dinge zu kaufen. Simon hatte zwar nie verstanden, was sein Großvater mit dem ganzen Krempel wollte, aber ihm gefiel es in dem Keller zu stöbern. Da fand sich immer etwas zum Spielen. Doch jetzt machte ihm diese Vielfalt Kopfzerbrechen. Wo sollten sie nur beginnen? „Wir sollten uns aufteilen, so können wir effektiver suchen.“ Dieser Vorschlag konnte ja nur von Marie kommen. Sie ging immer mit Köpfchen an die Dinge. „Dann beginne ich gleich hier. Was für ein Zimmer ist das denn?“, wollte Linus von Simon wissen. „Das war früher einmal der Waschraum. Aber Hepa wäscht schon lange nicht mehr selbst. Das macht jetzt meine Mutter. Irgendwo da hinten müsste auch noch die Waschmaschine sein.“ „Wo soll ich beginnen?“, fragte Marie. „Ich glaube, es wäre gut, wenn du im Bücherkeller beginnst. Aber es ist sicher besser, wenn wir den zu zweit durchwühlen. Da wirst du sonst nie fertig.“ Sie gingen ein paar Räume weiter, und im Hintergrund konnte man Linus schon fleißig räumen hören. Simon öffnete eine schwere Eichentür, hinter der der Bücherkeller lag. Er knipste das Licht an, das aus einer einzigen Glühbirne, die nur mit der Fassung an der Decke befestigt war, bestand. Die Lichtausbeute war äußerst gering. „Unglaublich, ein Paradies“, sprudelte es jetzt aus Marie hervor. Sie war nicht nur, zusammen mit Simon, Klassenbeste, sondern auch ein richtiger Bücherwurm. So viele Bücher hatte sie noch nie gesehen. Der ganze Raum war mit Regalen vollgestellt, die bis unter die Decke mit verstaubten Büchern gefüllt waren. An den Regalen waren Schilder mit den jeweiligen Genres. Da stand zum Beispiel „Liebesromane“ oder „Literatur des Mittelalters“. Es gab zu jedem Gebiet ein eigenes Regal. Der Raum alleine musste bestimmt viel größer als die Grundfläche des ganzen Hauses gewesen sein. „Das war früher ein Bunker. Der ist weit unter den Garten gebaut und absolut bombensicher“, erklärte ihr Simon, der an Maries Gesichtsausdruck das Erstaunen sehen konnte. „Das muss ja eine Sammlung von Tausenden von Büchern sein“, stammelte sie. „Komm, lass uns sofort mit der Suche beginnen.“ Und sie stellte sich an das erste Regal und nahm sich ein Buch mit dem Titel „Schriftzeichen aus Edra“ heraus. „Seltsam, davon habe ich noch nie etwas gehört“, flüsterte sie. „Warum redest du so leise, Marie?“ „Ich finde das Buch hier irgendwie unheimlich. Es macht mir Angst.“ „Dann leg es doch wieder zurück. Wir haben keine Zeit, um uns mit einzelnen Büchern zu befassen. Wir brauchen ein ganz bestimmtes. Also los“, befahl jetzt Simon recht herrisch. Doch Marie stand immer noch ganz versonnen mit dem Buch in der Hand da und schien in einer anderen Welt zu sein. „Hallo, Erde an Marie!“, blökte ihr Simon ins Ohr, dass sie vor Schreck fast umgefallen wäre. Sie legte das Buch weg, konnte aber in ihren Gedanken nicht von ihm lassen. Mit jeder Minute, in der sie suchten, rückte das geheimnisvolle Buch mehr und mehr in den Hintergrund – bis plötzlich ein lautes Krachen aus dem Keller ertönte, in dem Linus zugange war. Es klang, als hätte eine Lokomotive direkt unter ihren Füßen Halt gemacht. Für einen Augenblick fühlten sie das Beben im Magen – und dann war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Die Neugier siegte, und die Freunde stürmten zum Nachbarkeller. Doch kaum wollten sie hineinschauen, fegte ihnen eine dicke, graue Staubwolke entgegen, die sie wie eine Wand stoppte und jeden Atemzug zu einem kleinen Abenteuer machte.

„Hey Linus, ist alles okay mit dir?“, schrie Simon in die Wolke. Doch es kam keine Antwort zurück. Marie war die Erste, die in den Kellerraum stürzte, gleich gefolgt von Simon. „Linus, Linus, wo bist du?“, schrien sie jetzt beide. Jetzt erst sahen sie, was passiert war. Offenbar hatte Linus versucht, sich an einem Regal mit Blumentöpfen hochzuziehen – ein fataler Fehler. Das überirdisch große, aber zierlich gebaute Möbelstück ächzte bedrohlich unter seinem Gewicht, bis es mit einem lauten Krachen aus dem Gleichgewicht geriet. Wie in Zeitlupe stürzte das gesamte Regal samt den unzähligen Blumentöpfen zu Boden. Erde, Scherben und Blätter wirbelten durch die Luft, während ein regelrechtes Chaos entstand. Mitten unter diesem Trümmerhaufen musste jetzt Linus liegen – verschüttet, nicht sichtbar unter einer Lawine aus Töpfen, Holz und zerbrochener Keramik. Sie versuchten, das Regal anzuheben, doch es war viel zu schwer. Gemeinsam versuchten sie nun, unter das schwere Holzregal zu kriechen, um Linus zu retten, doch es schien aussichtslos. „Kann ich euch helfen?“, hörten sie auf einmal eine Stimme hinter sich. Sie drehten sich um und da stand Linus, völlig unverletzt und putzmunter, vor ihnen. „Was macht ihr denn da? Sieht ja schlimm aus. Hoffentlich ist nichts kaputtgegangen.“ „Linus“, stammelte Marie, „du lebst, ja?“ „Natürlich, was dachtest du denn?“, meinte Linus und sah seine Freunde jetzt ein wenig verstört an. „Wir dachten, du bist unter dem Regal und hast dir wer weiß was getan“, krächzte Simon, der sich langsam erholte, aber immer noch um Luft rang. „Ich wollte nur kurz nach oben gehen und mir was zu trinken holen. Da habe ich auf einmal diesen Höllenlärm gehört. Hatte schon Angst, euch sei was passiert.“ Plötzlich mussten die drei erst kichern und dann in schallendes Gelächter ausbrechen. Es war dieses befreiende Lachen, das man nach einer großen Anspannung hat und das einen wieder in die Realität zurückholen kann. Marie kicherte immer noch, als Simon vorschlug: „Lasst uns doch mal eine Pause machen. So kommen wir hier jedenfalls nicht weiter. Wir müssen uns etwas ausdenken und mit Taktik vorgehen.“ So gingen sie wieder nach oben in das Esszimmer ins Erdgeschoss und setzten sich an den großen runden Tisch, um zu planen. „Hat dein Großvater noch etwas über das Buch gesagt, bevor er eingeschlafen ist?“, fragte Linus. „Er hatte keine Zeit mehr, mir viel darüber zu sagen. Nur, dass es das ‚Buch der Wahrheit‘ sei und bei ihm hier irgendwo im Keller sein muss.“ Endlich hatte sich auch Marie wieder gefangen. „Hast du vorher nicht erzählt, dass du nur in den Keller gehen musst, um es zu finden?“ „Marie, du bist einfach ein Genie!“, rief Simon und hüpfte aufgeregt auf und ab. „Ich glaube, ich weiß jetzt, wo es ist!“ Er stürmte zur Kellertreppe, blieb aber plötzlich mitten auf der Treppe stehen. „Ich bin doch vorher, als ich euch die Getränke geholt habe, fast auf die Nase gefallen. Jetzt weiß ich auch, warum. Das Buch hat sich bemerkbar gemacht.“ Verständnislos sahen sich Linus und Marie an. Was war nur mit Simon los? War ihm alles zu viel geworden? Aber aus Simon sprudelte es weiter heraus: „Versteht ihr denn nicht? Eine Stufe ist locker und darüber bin ich gestolpert. Hier war noch nie eine Stufe locker. Klingelt es jetzt?“ Zwei Blicke - einen Moment später standen sie bei Simon auf der Treppe. Und da sahen sie es auch. Eine Stufe war tatsächlich locker. Ein Brett ragte ein Stück unter der Stufe hervor und wurde so zu einer Stolperfalle. Simon bemühte sich, das Brett weiter zu lösen, um es vollständig entfernen zu können. Dazu musste er es nur ein paar Mal hin und her bewegen, bis es sich schließlich, mit einem lauten Knarren, ganz unter der Stufe herausziehen ließ. Simon blickte unter die Stufe. „Was siehst du?“, flüsterte Marie. „Es ist so dunkel, ich kann nicht genau sehen, was da ist.“ „Ich werde einfach mal reinfassen“, meinte Simon. – „Lieber nicht, es könnte etwas Giftiges oder Spitzes darin sein. Vielleicht sogar eine Falle. Wenn es wirklich so wichtig ist, hätte dein Großvater es bestimmt besonders geschützt“, gab Linus zu bedenken. „Warte“, meinte er, „ich habe im Keller eine Taschenlampe gesehen. Ich hole sie dir schnell.“ Also lief er schnellen Schrittes in den dunklen, nach Moder und Staub riechenden Keller hinunter. Die kalte, feuchte Luft ließ ihn frösteln, während er vorsichtig über verstreute Trümmer und knirschende Glasscherben stieg, die sich unter seinen Schuhen laut bemerkbar machten. Das flackernde Licht der Flurbeleuchtung warf gespenstische Schatten auf zerbrochene Kisten und vergilbte Möbelstücke. Nach wenigen Augenblicken tauchte er wieder neben Simon auf, die Taschenlampe fest umklammert und das Herz noch immer klopfend von der unheimlichen Atmosphäre des Kellers.

Der nahm sie und leuchtete in das Innere der Stufe. Und was er da sah, konnte er nicht glauben. Er sah, dass hinter der Stufe ein weiterer Kellerraum lag, den man unter der Treppe nie vermuten würde. Darin war ein einfacher Stuhl, ein Schreibtisch, auf dem mehrere Bücher lagen. Dann lagen da noch einige Utensilien wie ein Tintenfass, eine Feder und so weiter. Lauter Gegenstände, die immer in alten Filmen auf Schreibtischen herumliegen. Gemeinsam vergrößerten sie jetzt das Loch in der Treppe, damit man hindurch in den Raum klettern konnte. Als Erster ließ sich Simon in das dunkle Loch gleiten. Dann kam Marie. Linus sollte oben bleiben, falls etwas passierte, damit er Hilfe holen konnte. An einer Wand hing eine alte Petroleumlampe. Daneben auf einem kleinen Tischchen lagen auch Streichhölzer. Simon zündete die Lampe an und endlich konnten sie den ganzen Raum deutlich sehen. „Unglaublich“, stammelte Marie nur noch. Hier sah es aus, als ob sich seit dem Mittelalter nichts mehr verändert hätte. Die Möbel waren aus grobem Eichenholz. Der Boden bestand aus schweren Steinplatten und die Wände waren vom Ruß der Lampe geschwärzt. Die Bücher auf dem Schreibtisch wirkten, als hätten sie schon seit Jahrhunderten an diesem Ort verweilt – mindestens so alt wie der Raum selbst. Ihre Seiten

bestanden nicht aus gewöhnlichem Papier, sondern aus grobfaserigen, beinahe pergamentartigen Blättern, die beim Umblättern ein raues Rascheln von sich gaben. Die Einbände waren aus festem, rissigem Leder gefertigt, das von unzähligen Berührungen und den Spuren der Zeit erzählte.

Ehrfurchtsvoll bewegten sie sich in diesem Raum. Ganz vorsichtig nahm Marie jetzt ein Buch vom Tisch, blies den Staub vom Einband und darauf stand in großen goldenen Lettern „Liber Veritatis“. „Das muss es

sein“, flüsterte sie. „Das ist Latein und bedeutet so viel wie ‚Das Buch der Wahrheit‘. Hat dein Großvater nicht gesagt, es ist das Buch der Wahrheit? Ich glaube, wir haben es gefunden.“

Mehr über das Buch

Zur Buchübersicht und den Ausgaben