HARDY RICHARDAUTOR

Zurück zum Buch

HARDY RICHARD · LESEPROBE

Die andere Seite

Kapitel 1 – Ein normales Leben

Die Musik aus dem Radiowecker dröhnte in Lillys Ohren wie das Nebelhorn eines Öltankers, das viel zu nah durch dichten Nebel schnitt. Es war kein sanftes Erwachen, sondern ein abruptes Herausgerissenwerden aus einem Zustand, der sich ohnehin nicht mehr wie wirklicher Schlaf angefühlt hatte. Für einen kurzen Moment blieb sie reglos liegen und hoffte, dass das Geräusch von selbst verstummen würde, doch wie immer blieb es hartnäckig bestehen, als würde es sie bewusst nicht in Ruhe lassen wollen.

Mit einer vertrauten, fast automatisierten Bewegung griff sie nach dem Gerät auf dem Nachttisch, verfehlte es zunächst knapp und erwischte es im zweiten Versuch so unglücklich, dass es mit einem dumpfen Schlag zu Boden fiel. Für einen Augenblick wurde das Dröhnen gedämpft, als hätte der Aufprall auch den Klang verschluckt, doch unmittelbar danach setzte es wieder ein, unverändert schrill und unerbittlich. Lilly schloss kurz die Augen, atmete einmal tief durch und setzte sich schließlich auf. Der Boden war kalt unter ihren Füßen, als sie sich nach dem Wecker bückte, den Aus-Knopf drückte und das Gerät anschließend zurück auf den Nachttisch stellte, als wäre nichts geschehen.

Ein kurzer Blick auf die Anzeige verriet ihr, dass es bereits später war, als sie es sich vorgenommen hatte, und dennoch früh genug, um den Tag nicht völlig aus dem Gleichgewicht geraten zu lassen. Mit einer langsamen Bewegung streckte sie sich, ließ die Schultern kreisen und zwang ihren Körper in den gewohnten Ablauf, der keiner bewussten Entscheidung mehr bedurfte. Im Bad empfing sie das helle Licht des Spiegels, und während sie sich die Zähne putzte, sich das Gesicht wusch und schließlich begann, sich zu schminken, blieb ihr Blick für einen Moment länger als nötig an ihrem eigenen Spiegelbild hängen. Es war kein bewusstes Prüfen, eher ein stilles Vergewissern, dass alles noch da war, wo es sein sollte, und dass nichts sich unbemerkt verändert hatte.

Als sie wenig später die Tür hinter sich zuzog und hinaus in die kühle Morgenluft trat, war die Stadt bereits in Bewegung. München wirkte zu dieser Stunde nicht wach, sondern vielmehr so, als hätte es nie geschlafen. Autos schoben sich durch die Straßen, irgendwo quietschte eine Straßenbahn, und die Stimmen der Menschen mischten sich mit dem stetigen Rauschen, das wie ein leiser, unaufhörlicher Hintergrundton über allem lag. Es war ein Geräusch, das sie inzwischen als vertraut empfand, weil es keine Aufmerksamkeit verlangte und gerade deshalb Halt gab.

Am Bahnhof kaufte sie sich wie jeden Morgen einen Kaffee und eine Butterbreze, nahm beides entgegen, ohne sich den Verkäufer genauer anzusehen, und verschwand mit den anderen Pendlern in Richtung U-Bahn. Sie setzte sich auf einen freien Platz, hielt den Becher zwischen den Händen und begann zu trinken, obwohl der Kaffee noch viel zu heiß war. Die Wärme brannte sich langsam durch ihre Kehle und gab ihr ein Gefühl von Gegenwart, das sie inzwischen bewusst suchte, weil es sie an das Hier und Jetzt band.

Während die Bahn anfuhr und sich durch die Tunnel bewegte, blieb ihr Blick an der Fensterscheibe hängen, in der sich ihr Gesicht mit den Umrissen der anderen Fahrgäste überlagerte. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, dass sich diese Ebenen nicht mehr sauber voneinander trennen ließen, dass ihr eigenes Spiegelbild nicht klar vor ihr stand, sondern sich mit den anderen vermischte, als würde es keinen festen Punkt mehr geben, an dem es sich festhalten konnte. Es war kein beunruhigender Gedanke, eher ein flüchtiger Eindruck, der sich nicht festsetzen wollte und deshalb auch nicht weiterverfolgt wurde.

Ein normales Leben, dachte sie, während sie den Blick wieder senkte und einen weiteren Schluck nahm. Der Gedanke fühlte sich anders an als noch vor einiger Zeit, weniger fremd, weniger wie etwas, das sie sich selbst einreden musste, und mehr wie eine Möglichkeit, die zumindest nicht mehr völlig außerhalb ihrer Reichweite lag. Sie hatte sich daran gewöhnt, die Dinge nicht zu hinterfragen, solange sie funktionierten, und genau das war es, was sie jetzt tat.

Ihre Arbeit im Wirtshaus Rechthaler Hof war dafür ideal. Direkt am Hauptbahnhof gelegen, war es ein Ort, an dem sich Menschen begegneten, ohne sich wirklich wahrzunehmen. Große Holztische, dicht gestellt, Stimmengewirr, das sich nie ganz auflöste, und dieser ständige Wechsel aus Ankommen und Weitergehen, der dafür sorgte, dass nichts Bestand hatte. Touristen, die gerade erst angekommen waren, Geschäftsleute, die keine Zeit zu verlieren hatten, und Reisende, die sich nur kurz stärkten, bevor sie wieder verschwanden. Es war ein Ort ohne Erinnerung, und genau das machte ihn für sie so wertvoll.

Die Arbeit selbst war einfach, fast beruhigend in ihrer Wiederholung. Bestellungen aufnehmen, Tabletts tragen, freundlich bleiben, weitergehen. Jeder Handgriff saß, ohne dass sie darüber nachdenken musste, und gerade diese Abwesenheit von Entscheidungen war es, die ihr Sicherheit gab. Fehler ließen sich korrigieren, Missverständnisse klärten sich, nichts davon blieb lange genug bestehen, um Gewicht zu bekommen.

Ihre kleine Einzimmerwohnung war nicht mehr als das, was sie unbedingt brauchte, und doch war sie ausreichend. Das Bett stand zu nah am Fenster, der Tisch zu nah an der Wand, und die Küchenzeile wirkte wie eine nachträgliche Lösung, die nie wirklich geplant gewesen war. München war teuer, viel zu teuer, aber es war ein Ort, an dem man untergehen konnte, wenn man es wollte, und genau das war es, was sie gesucht hatte.

Die anderen hatte sie bewusst hinter sich gelassen. Paul, Susanne und all die Menschen, mit denen sie einmal mehr verbunden gewesen war, als sie es sich heute eingestehen wollte. Es war nicht so, dass sie sie vergessen hatte, sondern vielmehr so, dass sie gelernt hatte, diese Gedanken nicht weiterzuführen, sobald sie auftauchten. Der Kreis war dabei weniger ein konkretes Bild als ein Gefühl, das sich sofort einstellte, wenn sie sich zu lange damit beschäftigte, eine Schwere, die sich nicht erklären ließ und gerade deshalb nicht hinterfragt werden durfte.

Die Diagnose hatte ihr geholfen, all das einzuordnen. Schizophrenie war ein Wort, das eine klare Grenze zog zwischen dem, was war, und dem, was nur so erschien. Stimmen, Bilder, Eindrücke, die sich nicht deckten, konnten damit erklärt werden, und die Therapie hatte ihr Werkzeuge an die Hand gegeben, um genau das zu tun. Sie hatte gelernt, Wahrnehmung zu prüfen, Gedanken zu hinterfragen und das, was sich nicht einordnen ließ, nicht weiter zu verfolgen.

Sie wollte daran glauben, weil es die einzige Möglichkeit war, die Dinge in einer Form zu halten, die sie kontrollieren konnte.

Als die U-Bahn langsamer wurde und schließlich anhielt, ließ sie sich mit der Menge hinaus auf den Bahnsteig treiben, nahm die Rolltreppe nach oben und trat wenig später in das vertraute Umfeld des Hauptbahnhofs. Der Weg zum Rechthaler Hof war kurz, und als sie die Tür öffnete, empfing sie sofort der Geruch von Kaffee, warmem Brot und Holz, begleitet von dem gedämpften Klang vieler Stimmen.

Sie begrüßte ihre Kolleginnen und Kollegen im Vorbeigehen, band sich die weiße Schürze um und begann ohne weitere Vorbereitung zu arbeiten. Die ersten Gäste waren wie immer Reisende, die direkt vom Bahnhof kamen, und Lilly bewegte sich sicher zwischen den Tischen, wechselte mühelos die Sprache, wenn es nötig war, und ließ sich von dem gleichmäßigen Ablauf tragen.

Ihre Zeit als Fremdenführerin in Dětenice kam ihr dabei zugute, denn sie hatte dort gelernt, mit Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern umzugehen, ihre Erwartungen zu erkennen und schnell darauf zu reagieren. Es gab immer wieder Situationen, die sie zumindest innerlich schmunzeln ließen, auch wenn sie nach außen hin ruhig blieb.

An diesem Morgen stand ein Mann vor ihr, der ganz offensichtlich Deutscher war, sich aber dennoch bemühte, seine Bestellung auf Englisch aufzugeben. Mit ernster Miene und einem hörbar unsicheren Tonfall fragte er: „Can I become a Schnitzel?“ Für einen kurzen Moment sah Lilly ihn einfach nur an, ließ die Worte in ihrer eigentümlichen Logik nachklingen und konnte sich dann ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. Es war nicht das erste Mal, dass ihr so etwas begegnete, und wahrscheinlich würde es auch nicht das letzte sein. „Da muss ich den Koch fragen, ob er das aus Ihnen machen kann“, antwortete sie ruhig. „Aber ich fürchte, dann bekommen wir Probleme mit der Polizei.“ Der Mann blinzelte irritiert, brauchte einen Augenblick, um den Fehler in seiner eigenen Formulierung zu erkennen, und begann dann zu lachen, zunächst unsicher, dann befreiter. Lilly erwiderte das Lächeln nur flüchtig, notierte die Bestellung und wandte sich bereits dem nächsten Tisch zu, während sich der Moment ebenso schnell auflöste, wie er entstanden war.

Der Vormittag verging, ohne dass sich etwas weiter verschob, und genau darin lag eine Form von Beruhigung, die Lilly inzwischen zu schätzen wusste. Die gewohnten Abläufe trugen sie durch die Stunden, ließen keinen Raum für längeres Innehalten und erst recht keinen für das erneute Aufgreifen jener flüchtigen Irritation aus der U-Bahn. Es war nicht so, dass sie den Moment vergessen hätte; er lag noch irgendwo in ihrem Bewusstsein, wie ein Bild, das man zur Seite gelegt hatte, weil es im falschen Augenblick auftauchte. Doch zwischen Bestellungen, Gesprächen und den mechanischen Bewegungen ihrer Arbeit verlor er an Schärfe, bis er nur noch als leiser Schatten vorhanden war, der sich nicht mehr in den Vordergrund drängte.

Als ihre Schicht endete, löste sie die Schleife ihrer Schürze mit einer Ruhe, die beinahe ritualhaft wirkte, faltete den Stoff sorgfältig und legte ihn an seinen Platz, als müsste dieser kleine Akt der Ordnung den Tag abschließen. Sie verabschiedete sich knapp, ohne sich in Gespräche ziehen zu lassen, und trat hinaus auf die Straße, wo sie für einen Moment stehen blieb, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Der Wechsel vom Innenraum des Wirtshauses in die offene Stadt hatte immer etwas von einem Übergang, als würde sie eine Schicht abstreifen und gleichzeitig eine neue anlegen, ohne dass sich an ihr selbst wirklich etwas änderte.

Der Weg zur Praxis ihrer Therapeutin war ihr vertraut genug, dass sie ihn nicht mehr bewusst wahrnehmen musste, und dennoch entging ihr nichts von dem, was um sie herum geschah. Menschen gingen an ihr vorbei, Stimmen vermischten sich mit dem gleichmäßigen Geräusch des Verkehrs, irgendwo beschleunigte ein Motor, ein Fahrrad klingelte, Schritte hallten über den Asphalt. Es waren keine Eindrücke, die sich festsetzten, sondern ein durchgehender Strom, der sie begleitete, ohne sie zu fordern, und vielleicht war genau das der Grund, warum sie diesen Weg mochte. Er verlangte nichts von ihr außer, ihn zu gehen.

Das Gebäude, in dem sich die Praxis befand, fügte sich unauffällig in die Reihe der umliegenden Häuser ein, als hätte es kein Interesse daran, bemerkt zu werden, und genau das machte es zu einem passenden Ort für das, was darin geschah. Niemand, der daran vorbeiging, hätte vermutet, dass sich hinter einer der Türen Gespräche abspielten, in denen Wirklichkeit und Wahrnehmung immer wieder neu verhandelt wurden. Lilly betrat das Treppenhaus, in dem ein leichter Geruch nach Reinigungsmittel hing, stieg die Stufen hinauf und blieb kurz vor der Tür stehen, nicht aus Unsicherheit, sondern weil sie diesen Moment des Übergangs kannte und ihn bewusst wahrnahm. Dann klopfte sie, trat ein und setzte sich im Wartezimmer auf den Platz, den sie fast immer wählte.

Der Raum wirkte ruhig, doch es war keine natürliche Ruhe, sondern eine, die hergestellt worden war, sorgfältig und kontrolliert. Die Zeitschriften auf dem Tisch lagen ordentlich gestapelt, als wären sie mehr Dekoration als Lektüre, und die Pflanze in der Ecke wirkte gepflegt, ohne wirklich lebendig zu erscheinen. Alles war darauf ausgelegt, nichts zu stören, nichts hervorzurufen, und genau darin lag etwas, das Lilly nie ganz geheuer war. Es war eine Ruhe ohne Geschichte, ohne Spuren, und vielleicht war es das, was sie daran hinderte, sich hier wirklich aufzuhalten.

Als ihr Name aufgerufen wurde, stand sie auf, ohne zu zögern, und folgte der vertrauten Bewegung durch die Tür in das Behandlungszimmer. Dieser Raum war weniger neutral, auch wenn er ebenso geordnet war wie das Wartezimmer. Hier gab es kleine Hinweise darauf, dass jemand ihn nutzte, Spuren eines Alltags, der sich nicht vollständig glätten ließ: Bücher, die nicht ganz gerade im Regal standen, ein Stuhl, der leicht schräg gerückt war, ein Notizblock, auf dem die letzte Seite nicht ganz sauber umgeblättert worden war. Es waren unbedeutende Details, und doch machten sie den Raum greifbarer.

Lilly setzte sich und wartete, bis ihre Therapeutin ihr gegenüber Platz nahm. Das Gespräch begann wie so oft mit einer einfachen Frage, deren Bedeutung sich nicht in den Worten selbst erschöpfte. Wie war die Woche? Eine Frage, die mehr war als eine Aufforderung zur Beschreibung, eher ein vorsichtiges Abtasten dessen, was sich verändert hatte.

Lilly ließ sich Zeit mit der Antwort, nicht weil sie überlegen musste, sondern weil sie wusste, dass es nicht nur darum ging, etwas zu sagen, sondern darum, wie sie es einordnete. Schließlich hob sie den Blick und antwortete ruhig, dass die Woche unauffällig gewesen sei, geprägt von Arbeit und Alltag, ohne besondere Vorkommnisse. Es war eine ehrliche Antwort, zumindest in dem Rahmen, den sie bereit war zu zeigen.

Ihre Therapeutin nickte leicht und stellte die nächste Frage mit derselben ruhigen Selbstverständlichkeit, die Lilly inzwischen kannte. Ob ihr das reiche. Die Worte waren einfach, doch sie blieben im Raum stehen, als hätten sie ein eigenes Gewicht. Lilly lehnte sich ein wenig zurück, verschränkte die Hände und erwiderte, dass es funktioniere und im Moment genau das sei, was sie brauche. Es war keine Verteidigung, sondern eine Feststellung, die sich aus Erfahrung speiste.

Die Antwort darauf kam ebenso ruhig, dass Funktionieren nicht immer dasselbe sei wie Leben, und für einen kurzen Moment lag etwas zwischen ihnen, das sich nicht sofort in Worte fassen ließ. Lilly spürte, wie sich ein kaum merklicher Widerstand in ihr regte, nicht gegen die Therapeutin, sondern gegen die Richtung, in die dieses Gespräch sich bewegen könnte. Sie verzog leicht die Lippen, fast unmerklich, und entgegnete, dass es vielleicht im Moment genüge und alles andere bisher nicht besonders gut funktioniert habe. Es war kein Versuch, das Thema abzuschneiden, eher eine Grenzmarkierung, die sie bewusst setzte.

Das Gespräch verlagerte sich langsam auf das, was ihre Therapeutin als Wahrnehmungen bezeichnete, und Lilly spürte, wie sich ihre Aufmerksamkeit veränderte, wie sie genauer wurde, kontrollierter. Sie erklärte, dass diese Momente seltener geworden seien und dass sie gelernt habe, sie einzuordnen, ohne ihnen sofort zu folgen. Sie sprach davon, dass nicht alles, was sie wahrnehme, real sein müsse, und dass sie sich bewusst dafür entschieden habe, diese Dinge stehen zu lassen, ohne sie weiterzuführen. Es klang ruhig, strukturiert und überzeugend, und während sie sprach, wusste sie, dass dies genau die Art von Antwort war, die erwartet wurde.

Und doch blieb etwas unausgesprochen.

Der kurze Moment in der U-Bahn, das fehlende Spiegelbild, das für einen Augenblick nicht zu ihr gehört hatte, tauchte in ihrem Bewusstsein auf, klar genug, um benannt zu werden, und gleichzeitig fern genug, um es nicht zu müssen. Sie hätte es erwähnen können, hätte es einordnen können, so wie sie es gerade beschrieben hatte, doch sie entschied sich dagegen. Nicht aus Angst, sondern weil sie selbst noch nicht wusste, was dieser Moment bedeutete, und weil es einfacher war, ihn vorerst dort zu lassen, wo er war.

Stattdessen sprach sie weiter über ihren Alltag, über die Arbeit im Wirtshaus, über die Menschen, die kamen und gingen, ohne Spuren zu hinterlassen, und über die Abläufe, die ihr Halt gaben, ohne sie zu fordern. Sie beschrieb die Gleichförmigkeit ihrer Tage nicht als Mangel, sondern als etwas, das ihr Stabilität gab, und während sie sprach, merkte sie, wie sich die Struktur ihrer eigenen Worte auf sie übertrug, wie sie das, was sie sagte, zugleich bestätigte.

Als die Stunde sich dem Ende näherte, veränderte sich die Atmosphäre im Raum kaum merklich, nicht abrupt, sondern eher wie ein langsames Ausklingen. Lilly spürte, wie sich eine leise Erleichterung in ihr ausbreitete, nicht weil etwas gelöst worden war, sondern weil dieser Teil ihres Tages abgeschlossen war. Sie stand auf, verabschiedete sich ruhig und verließ das Zimmer mit der gleichen kontrollierten Bewegung, mit der sie es betreten hatte.

Draußen auf der Straße blieb sie einen Moment stehen, atmete die kühlere Luft ein und ließ den Blick über die Menschen gleiten, die an ihr vorbeigingen, jeder für sich, jeder in seinem eigenen Rhythmus. Die Stadt wirkte unverändert, vertraut in ihrer Gleichgültigkeit, und genau das machte sie berechenbar.

Alles ließ sich erklären.

Vom Gebäude der Praxis aus ging sie nicht nach Hause. Sie tat das selten an diesen Tagen, an denen die Gespräche noch leise in ihr nachklangen, ohne dass sie genau benennen konnte, was geblieben war. Stattdessen nahm sie den gewohnten Weg in die entgegengesetzte Richtung, durchquerte zwei Straßen, die sie inzwischen blind kannte, und bog schließlich in die Seitenstraße ein, in der das Fitnessstudio lag. Es war kein besonderer Ort, weder modern noch heruntergekommen, sondern etwas dazwischen, funktional, ausreichend, genau das, was sie suchte.

Sie betrat den Raum, ohne sich umzusehen, nickte knapp in Richtung Empfang und ging direkt in den Umkleidebereich. Die wenigen Gesichter, die ihr begegneten, waren ihr nicht fremd, aber auch nicht vertraut genug, um mehr als ein flüchtiges Erkennen auszulösen. Es gab Menschen, die sie hier regelmäßig sah, zu ähnlichen Zeiten, mit ähnlichen Routinen, und doch war zwischen ihnen nichts entstanden, das über dieses stille Nebeneinander hinausging. Genau das war der Grund, warum sie blieb.

Als sie wieder auf die Trainingsfläche trat, hatte sie die Welt draußen bereits hinter sich gelassen. Die Geräusche waren andere hier, dumpfer, gleichmäßiger, unterlegt von Musik, die nie ganz im Vordergrund stand, aber auch nie verschwand. Metall auf Metall, gedämpfte Schritte, das kurze Ausstoßen von Luft bei einer Anstrengung. Es war ein Rhythmus, der nichts erklärte, sondern einfach nur existierte.

Lilly ging direkt zu dem Bereich, den sie immer zuerst aufsuchte, griff nach dem Springseil und stellte sich an einen Platz, der genug Abstand bot, ohne isoliert zu wirken. Für einen Moment hielt sie das Seil locker in den Händen, ließ es einmal durch die Finger gleiten, als würde sie prüfen, ob es noch dasselbe war wie beim letzten Mal, dann begann sie.

Die ersten Sprünge waren ruhig, fast beiläufig, doch sie steigerte das Tempo schnell, ohne sich bewusst dazu zu entscheiden. Das Seil schnitt in gleichmäßigen Bewegungen durch die Luft, berührte den Boden in einem präzisen Takt, der sich nach wenigen Sekunden vollständig in ihren Körper übertrug. Ihre Atmung passte sich an, wurde tiefer, kontrollierter, und mit jedem weiteren Sprung verschob sich ihre Wahrnehmung ein Stück weiter nach innen.

Es war nicht nur Aufwärmen. Es war ein Übergang.

Je schneller sie wurde, desto weniger Raum blieb für Gedanken, die nicht unmittelbar mit der Bewegung verbunden waren. Der Rhythmus nahm alles auf, strukturierte es, ließ keinen Platz für das, was sich sonst zwischen die Dinge schob. Ihre Arme arbeiteten gleichmäßig, die Schultern blieben ruhig, die Füße berührten den Boden nur so lange, wie es nötig war. Sie spürte den leichten Zug im Körper, das Ansteigen der Anstrengung, und ging darüber hinaus, ohne zu zögern.

Als sie schließlich stoppte, tat sie es nicht abrupt, sondern ließ das Seil langsamer werden, bis es nur noch lose in ihren Händen hing. Ihr Puls war hoch, ihre Atmung deutlich hörbar, doch genau das war es, was sie suchte. Für einen Moment stand sie still, spürte, wie sich ihr Körper unter der Belastung sortierte, und ging dann weiter.

Der Boxsack hing etwas abseits, schwer und unbeweglich, als hätte er kein Interesse daran, mehr zu sein als ein Objekt. Lilly trat vor ihn, stellte sich in Position und hob die Hände, ohne sich lange vorzubereiten. Der erste Schlag war präzise, kontrolliert, der zweite schneller, der dritte härter. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich auch hier ein Rhythmus entwickelte, ein anderer als beim Seilspringen, roher, unmittelbarer.

Mit jedem Treffer verlagerte sich die Energie weiter nach vorne, aus dem Körper heraus, ohne dass sie benennen konnte, was genau sie abgab. Es war keine Wut im klassischen Sinne, keine Emotion, die sich klar greifen ließ, sondern eher eine Form von Druck, der sich löste, sobald er einen Widerstand fand. Der Sack schwang leicht zurück, kam wieder auf sie zu, und sie fing die Bewegung auf, setzte den nächsten Schlag, noch bevor er vollständig zur Ruhe kam.

Sie erhöhte das Tempo, ließ Kombinationen folgen, die nicht einstudiert wirkten, sondern sich aus dem Moment heraus ergaben. Ihre Bewegungen wurden schneller, härter, kompromissloser, bis der Punkt erreicht war, an dem die Grenze zwischen Kontrolle und Überschreiten begann, sich zu verschieben. Genau dort blieb sie.

Als sie schließlich aufhörte, ließ sie die Hände sinken und trat einen Schritt zurück. Der Sack schwang noch leicht nach, als würde er den Rhythmus weiterführen, den sie ihm aufgezwungen hatte. Lilly beobachtete die Bewegung einen Moment lang, ohne wirklich hinzusehen, dann wandte sie sich ab.

Das Krafttraining danach war strukturierter, ruhiger, fast methodisch. Sie wechselte von Gerät zu Gerät, arbeitete konzentriert, ohne sich zu hetzen, aber auch ohne Pausen, die nicht notwendig waren. Die Bewegungen waren klar, kontrolliert, wiederholbar, und genau darin lag ihre Wirkung. Hier ging es nicht darum, etwas loszuwerden, sondern darum, etwas aufzubauen, Stabilität, Spannung, eine Form von Verlässlichkeit, die sich nicht erklären musste.

Zwischen den Sätzen hob sie gelegentlich den Blick, nahm die anderen wahr, ohne sie wirklich zu betrachten. Es gab kurze Begegnungen, ein Nicken, ein halbes Lächeln, mehr aus Gewohnheit als aus Interesse, doch nichts davon setzte sich fort. Gespräche entstanden um sie herum, brachen wieder ab, wurden an anderer Stelle aufgenommen, ohne sie einzubeziehen. Es war kein Ausschluss, sondern eher eine stille Übereinkunft, die von beiden Seiten getragen wurde.

Als sie fertig war, ging sie in den Umkleidebereich zurück, ließ sich Zeit, ohne zu trödeln, und blieb schließlich vor der Tür zur Sauna stehen. Für einen kurzen Moment hörte sie in den Raum hinein, prüfte, ob Stimmen zu hören waren, ob sich jemand darin aufhielt. Erst als sie sicher war, dass sie allein war, öffnete sie die Tür und trat ein.

Die Hitze umfing sie sofort, dicht und gleichmäßig, und für einen Augenblick blieb sie einfach stehen, ließ sie auf sich wirken, bevor sie sich setzte. Der Raum war leer, still, und genau das machte ihn erträglich. Kein Gespräch, kein Blick, keine Erwartung, die sich zwischen sie und den Moment schob.

Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf leicht zurück. Der Körper war noch warm von der Anstrengung, die Muskeln arbeiteten nach, und die Hitze verstärkte das Gefühl, als würde sich alles langsam lösen, ohne dass sie aktiv etwas dazu beitragen musste.

Hier war sie wirklich allein.

Und genau das war der Punkt.

Nach der Sauna ging sie ohne Umwege zur Dusche. Sie drehte das Wasser auf und stellte sich darunter, noch bevor sie prüfte, wie kalt es war, als würde sie genau diesen Moment nicht hinauszögern wollen. Das Wasser traf sie sofort, eiskalt und unerbittlich, rann über ihre Schultern, den Rücken hinab und ließ ihren Körper für einen Augenblick erstarren, bevor sie sich bewusst dagegen entschied, auszuweichen. Statt zurückzutreten, blieb sie stehen, ließ die Kälte über sich hinwegziehen und spürte, wie sich der erste stechende Schmerz allmählich veränderte, wie er schärfer wurde, klarer, beinahe reinigend, bis er nicht mehr störte, sondern sie wach machte.

Sie schloss die Augen und ließ das Wasser über ihr Gesicht laufen, spürte, wie es sich an den Lippen sammelte, bevor es weiterfloss. Für einen Moment öffnete sie den Mund und ließ es hineinlaufen, nicht aus einem bestimmten Grund, sondern weil es sich richtig anfühlte, weil es die Trockenheit aus der Hitze der Sauna fortspülte und etwas in ihr ordnete, das sich vorher noch unruhig angefühlt hatte. Die Kälte blieb unangenehm, fast schmerzhaft, und gerade deshalb hielt sie daran fest, als würde sie sich daran vergewissern, dass sie noch spürte, dass sie noch da war.

Erst nach einer Weile griff sie nach dem Regler und drehte ihn langsam weiter. Die Kälte wich einer Wärme, die sich rasch verstärkte, bis das Wasser heiß wurde, dicht auf ihrer Haut lag und ein anderes, tieferes Gefühl erzeugte, das sich weniger scharf anfühlte, dafür durchdringender war. Sie blieb auch jetzt stehen, ließ die Hitze zu, obwohl sie an der Grenze dessen lag, was angenehm war, und wartete, bis ihr Körper sich darauf einließ, bis sich die Spannung löste, die sich zuvor aufgebaut hatte.

Schließlich stellte sie die Temperatur zurück, ließ das Wasser lauwarm werden und blieb einfach unter dem gleichmäßigen Strom stehen, der nun weder forderte noch drängte. Das Rauschen erfüllte den Raum, nahm alles andere in sich auf und ließ keinen Gedanken bestehen, der mehr Gewicht gehabt hätte als dieser Moment. Sie bewegte sich kaum, strich sich nur einmal durch die nassen Haare und ließ das Wasser weiterlaufen, als müsste sie nichts mehr tun, als würde es genügen, einfach hier zu stehen.

Sie hätte längst fertig sein können, doch sie blieb, ohne auf die Zeit zu achten, ohne einen Grund benennen zu müssen. Erst als Stimmen aus der Umkleide zu ihr herüberdrangen, wurde sie aus dieser Ruhe herausgeholt. Zwei Frauen waren hereingekommen, ihre Stimmen hell und lebendig, sofort ineinander verschränkt, als hätten sie ein Gespräch fortgesetzt, das nie ganz unterbrochen worden war. Es ging um Kinder, um Termine, um die kleinen Dinge des Alltags, die sich in ihrer Welt wichtig anfühlten, und genau das war es, was Lilly nicht hören wollte.

Sie drehte das Wasser ab, als würde sie damit gleichzeitig diesen Moment beenden, griff nach dem Handtuch und verließ die Dusche, ohne sich noch einmal umzusehen.

Sie zog sich zügig an, ohne sich von den Stimmen der beiden Frauen noch einmal einholen zu lassen, und verließ das Studio, bevor sich eine Situation ergeben konnte, in der sie hätte reagieren müssen. Draußen blieb sie kurz stehen, atmete die warme Luft ein und entschied sich, den Weg nach Hause zu Fuß zurückzulegen, nicht aus Notwendigkeit, sondern weil sie spürte, dass ihr Körper noch in Bewegung war und diese Bewegung nicht abrupt enden durfte.

Die Straßen lagen im Licht des späten Nachmittags, und die Sonne stand tief genug, um weich zu wirken, ohne an Kraft verloren zu haben. Sie ging ohne Eile, ließ die Schritte gleichmäßig werden, spürte, wie sich ihr Puls langsam senkte und die Anspannung, die sich im Training aufgebaut hatte, sich allmählich löste. Die Wärme auf ihrer Haut war angenehm, fast tröstlich, und für eine Weile genügte es, einfach weiterzugehen, ohne Ziel außer dem, das ohnehin feststand.

Mit jedem Schritt wurde ihr Kopf klarer, oder vielleicht auch nur leerer. Gedanken kamen, verschwanden wieder, ohne sich festzusetzen, und genau das war es, was sie suchte. Kein Nachdenken, kein Ordnen, kein Analysieren, sondern ein Zustand, in dem nichts drängte und nichts beantwortet werden musste.

Nach etwa einer Stunde erreichte sie das Haus. Die große, schwere Holztür ließ sich nur mit einem leichten Druck öffnen, als würde sie sich nicht jedem sofort ergeben wollen. Dahinter empfing sie die kühle Luft des Treppenhauses, ein Geruch nach Holz, Staub und etwas, das sich nur schwer benennen ließ, eine Mischung aus Alter und Geschichte, die sich über Jahre hinweg in den Wänden festgesetzt hatte. Die Stufen waren ausgetreten, glatt in der Mitte, und sie kannte jede einzelne davon, ohne hinsehen zu müssen.

Sie stieg hinauf in den dritten Stock, gleichmäßig, ohne Pause, und erreichte den kleinen Absatz, von dem drei Wohnungen abgingen. Geradeaus lag die größere, weiter geschnittene Wohnung, links eine etwas kleinere mit zwei Zimmern, und rechts ihre eigene, die sie inzwischen mit einer Selbstverständlichkeit betrat, die nichts mehr mit einem Neuanfang zu tun hatte. Sie zog den Schlüssel aus der Tasche, schloss auf und trat ein, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und streifte im selben Moment die Schuhe ab.

Barfuß ging sie durch die kleine Wohnung direkt hinaus auf den Balkon, als wäre dies der eigentliche Ort, an dem sie ankam. Die Luft war noch warm, und die Pflanzen in den Blumenkästen standen dicht beieinander, Kräuter, die sie regelmäßig nutzte, und dazwischen die Chili-Pflanzen, die sich in den letzten Wochen kräftig entwickelt hatten. Sie beugte sich leicht vor, strich mit den Fingern über die Blätter, prüfte die Erde, sah nach, ob etwas fehlte, und blieb einen Moment länger stehen, als es nötig gewesen wäre.

Das waren ihre Vertrauten, ihre einzigen, wenn man es so nennen wollte. Sie hatten keine Erwartungen, stellten keine Fragen, und vielleicht war genau das der Grund, warum sie sich hier am wohlsten fühlte. Manchmal sprach sie mit ihnen, leise, fast beiläufig, nicht weil sie glaubte, dass sie verstanden wurden, sondern weil es sich natürlicher anfühlte, als zu schweigen.

Sie ging zurück in die kleine Küche, bereitete das Essen vor und holte die Forellen aus dem Kühlschrank, die sie am Vortag günstig bekommen hatte. Der kleine Elektrogrill, den sie sich von ihrem ersten Lohn gekauft hatte, stand bereits bereit, und während sie den Fisch darauflegte, begann sie nebenbei den Reis zu kochen und die einfache Weißweinsauce anzusetzen. Die Bewegungen waren ruhig, eingeübt, ohne Hektik, und genau darin lag ihre Wirkung. Es gab nichts, das schiefgehen konnte, nichts, das sie überraschte.

Als alles fertig war, trug sie den Teller nach draußen, stellte ihn auf den kleinen Tisch und setzte sich auf den einzigen Klappstuhl, der davor stand. Der Innenhof unter ihr war belebt, Stimmen hallten zwischen den Wänden wider, Türen wurden geöffnet und geschlossen, irgendwo lachte jemand, doch sie nahm es kaum wahr. Es war da, aber es gehörte nicht zu ihr.

Während sie aß, begann sich etwas in ihr zu verschieben, leise zuerst, kaum greifbar, dann klarer. Erinnerungen drängten sich nach vorne, nicht als zusammenhängende Geschichte, sondern als einzelne Bilder, die aufblitzten und wieder verschwanden. Dětenice. Das mittelalterliche Hotel. Das Lachen, die Gespräche. Paul. Susanne. Die Reise nach München. Das Orpheum. Der Kreis.

Und Syriel.

Seine Präsenz war nicht etwas, das man sich einfach ausdenken konnte. Sie hatte sie gespürt, nicht nur gesehen oder gehört, sondern erlebt, als wäre sie ein Teil von ihr gewesen, etwas, das sich in ihren Geist gelegt hatte und nicht mehr einfach zu trennen war. Diese Erinnerungen waren zu klar, zu konkret, zu wirklich, um sie einfach als Einbildung abzutun.

Und doch war genau das die Erklärung, die sie bekommen hatte.

Eine Diagnose. Ein Begriff. Schizophrenie.

Eine Erklärung, die alles in ein System brachte, das verständlich war, greifbar, behandelbar. Und vielleicht war genau das der Grund, warum sie daran festhielt. Denn die Alternative wäre gewesen, dass all das real war, dass der Kreis existierte, dass Syriel nicht verschwunden war, sondern nur… nicht sichtbar.

Dieser Gedanke war nicht auszuhalten.

Also blieb sie bei der einfacheren Wahrheit. Bei der, die ihr half, den Alltag aufrechtzuerhalten, die ihr erlaubte, morgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen, zu funktionieren, ohne dass ihr die Welt unter den Füßen wegbrach.

Sie aß weiter, trank den Wein in kleinen Schlucken und ließ die Bilder kommen und gehen, ohne sich an ihnen festzuhalten, bis die Sonne langsam hinter den Dächern verschwand. Das Licht wurde weicher, zog sich zurück, legte sich über das gegenüberliegende Gebäude und endete schließlich am Rand des alten, mit Moos bewachsenen Ziegeldaches, das den Innenhof begrenzte.

Erst als es dunkler wurde, stand sie auf, räumte ab und ging hinein. Die Abendroutine folgte, ruhig und ohne Abweichung, Zähne putzen, Gesicht waschen, Schlafanzug anziehen, alles in einer Reihenfolge, die sich nicht mehr verändern musste.

Im Bett angekommen, lag sie auf dem Rücken und starrte in die Dunkelheit, während die Gedanken zurückkehrten, nicht laut, aber hartnäckig. Sie drehten sich im Kreis, setzten neu an, fanden keinen Abschluss, und egal, wie sehr sie versuchte, sie zu ordnen, sie entzogen sich immer wieder.

Erst die Tabletten, die sie von ihrem Psychiater bekommen hatte, brachten schließlich die gewünschte Schwere. Langsam, kaum spürbar, legte sich die Müdigkeit über sie, dämpfte die Gedanken, ließ sie leiser werden, bis sie schließlich ganz verschwanden.

Doch bevor der Schlaf sie vollständig erreichte, blieb ein letzter Rest.

Ein Bild.

Zu klar, um Zufall zu sein.

Und noch immer nicht bereit, zu verschwinden.

Mehr über das Buch

Zur Buchübersicht und den Ausgaben